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Interview mit Marcus Wilhelm, Leiter Corporate Pensions (FTP), und Dr. Martin Brixner, International Investment and Trust Manager, beide Airbus

Fotoquelle: Meinzahn

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Herr Wilhelm und Herr Dr. Brixner, wie sieht das bisherige bAV-Portfolio von Airbus aus?

Marcus Wilhelm: Airbus ist als europäischer Konzern aus einer Vielzahl von Einzelunternehmen entstanden. Entsprechend bunt sah unsere bAV-Landschaft Anfang der 2000er Jahre aus. 2003 hat Airbus dann für die Mitarbeiter in Deutschland den „Persönlichen Pensionsplan“, kurz „P3“ genannt, eingeführt. In ihm sind die alten Versorgungsordnungen aufgegangen. Der P3 umfasste sowohl die arbeitgeberfinanzierte bAV als auch die freiwillige Entgeltumwandlung. Auf die Beiträge wurde bis zum Beginn des Ruhestands jährlich eine fixe Verzinsung von rund 5 Prozent gewährt. Jedes Festzinsmodell bildet das Zinsniveau bei seiner Einführung ab, und über die langen Zeiträume der bAV können sich hier massive Veränderungen ergeben. Arbeitgeber und Mitarbeiter gehen hier eine ungewollte Zinswette ein. Ein variables Zinsmodell bildet die Änderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen besser ab. Das stark gesunkene Zinsniveau und die unvorteilhafte bilanzielle Behandlung eines Festzinsplans gaben den Impuls, ein neues Modell mit einem variablen Zins einzuführen.

Wann haben Sie den neuen Plan ausgerollt?

Martin Brixner: Wir haben Ende 2018 die Betriebsvereinbarung zum neuen „Airbus Pensions Plan“, kurz APP, unterschrieben. Der APP wird für den arbeitgeberfinanzierten Teil rückwirkend für Neueintritte seit Anfang des Jahres 2018 eingeführt. Zudem steht er allen Mitarbeitern seit Anfang 2019 für die Entgeltumwandlung offen. Ganz wichtig für die Akzeptanz war, dass wir unser komplexes Modell zuerst dem Betriebsrat und dann den Beschäftigten transparent gemacht haben. Im bisherigen Plan wandelte rund ein Drittel der Mitarbeiter freiwillig Entgelt um, im neuen Plan ist es bereits kurz nach seiner Einführung rund die Hälfte.

Für wen gilt der neue Plan?

Marcus Wilhelm: Der APP steht den über 40.000 Beschäftigten in Deutschland für ihre Entgeltumwandlung offen. Zudem gehen die Arbeitgeberbeiträge für unsere Neueinstellungen seit Anfang 2018 in den APP. Laut APP zahlt Airbus, wenn das Entgelt unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung (BBG) liegt, einen zusätzlichen Beitrag Sockelbeitrag. Dadurch wird die arbeitgeberfinanzierte bAV für Mitarbeiter mit niedrigeren Einkommen gestärkt. Zudem haben wir ein Matchingmodell eingeführt. Wenn sich der Mitarbeiter entscheidet, aus eigenem Entgelt einen Beitrag zu leisten, der in etwa dem Beitrag des Arbeitgebers entspricht, dann stockt Airbus diese Entgeltumwandlung durch einen zusätzlichen Beitrag auf. Liegt das Entgelt unterhalb der BBG, dann matcht Airbus 30 Prozent des Mitarbeiterbeitrags. Liegt das Entgelt darüber, dann matcht Airbus 15 Prozent.

Haben Sie beim APP das Betriebsrentenstärkungsgesetz genutzt?

Martin Brixner: Der APP ist eine Direktzusage, während das Betriebsrentenstärkungsgesetz in erster Linie auf andere Durchführungswege gemünzt ist. Allerdings haben wir uns an den neuen Regelungen und Zielen orientiert, zum Beispiel beim Matchingmodell. Dadurch, dass der Gesetzgeber die Möglichkeit der reinen Beitragszusage geschaffen hat, war bereits ein Stück der Überzeugungsarbeit geleistet, dass möglichst hohe Garantien nicht zwingend im Interesse von Mitarbeiter und Unternehmen sind. Auch der APP sieht eine Garantieverzinsung vor, jedoch keine starre jährliche Mindestverzinsung, sondern eine Mindestverzinsung, die auf den Zeitpunkt des Leistungsfalls abstellt. Dadurch bleiben die Spielräume für eine chancenorientierte Kapitalanlage erhalten.

Marcus Wilhelm: Der Gedanke der Zielrente ist ebenfalls spannend. Hier haben wir wieder eine eigene Lösung entwickelt. Aus Finance-Sicht wollten wir zunächst im APP als Defined-Contribution(DC)-Plan keine interne Verrentung des Versorgungskapitals anbieten. Eine Verrentung über einen Lebensversicherer konnte aufgrund der damit verbundenen Einschränkungen in der Kapitalanlage und der als niedrig wahrgenommenen erwarteten Leistungshöhe in den Verhandlungen nicht überzeugen. In unserer Interpretation der Zielrente im APP garantiert Airbus eine vorsichtig gerechnete Rente, die über der vergleichbaren garantierten Rente eines Versicherers liegt. Die Kapitalanlage bleibt relativ ertragsorientiert. Schwankungen werden im Kollektiv der Rentner abgefedert, und Überschüsse werden nach einem transparenten Schlüssel ergänzend zur Rente zugeteilt. Auch bieten wir die Auszahlung als Einmalkapital oder als Rate an.

Martin Brixner: Sowohl in der Anwartschaft als auch in der Rente haben wir Sicherheits- und Glättungsmechanismen eingezogen, damit sich die Volatilität der Kapitalanlage nicht eins zu eins auf den einzelnen Mitarbeiter überträgt. Der Mitarbeiter erhält eine vorsichtig geschätzte Vorabverzinsung, Mehr- und Mindererträge werden in eine Reserve gebucht. Diese Reserve wird nach klaren Regeln den Mitarbeitern im Zeitverlauf geglättet zugeteilt. Dabei verwenden wir keine starren Schwellen, sondern setzen auf eine kontinuierliche Zuteilung, die das aktuelle wirtschaftliche Umfeld und die Größe der aufgelaufenen Reserve berücksichtigt.

Marcus Wilhelm: Wenngleich wir damit die finanziellen Risiken für den Arbeitgeber nicht auf null senken können, erreichen wir im Vergleich zum Vorgängermodell eine erhebliche Risikosenkung und eine Größenordnung, die von Airbus unter Berücksichtigung des Stellenwerts der bAV akzeptiert wird.

Wie hat Airbus die Kapitalanlage verändert, wenn das Unternehmen in der DC weiterhin eine lukrative Betriebsrente anbieten und zugleich die Kosten und Finanzrisiken reduzieren will?

Martin Brixner: Wir setzen auf eine chancenorientierte Strategische Asset-Allokation mit einer hohen erwarteten Rendite. Historisch hatten beispielsweise in den USA reine Aktienportfolios bei einer realen Betrachtung bereits ab einem fünfjährigen Anlagehorizont nicht nur im Durchschnitt, sondern auch im schlechtesten Falle eine höhere Rendite als reine Anleiheportfolios. Unsere Mitarbeiter sparen im Durchschnitt weit über 30 Jahre lang für ihre Altersleistung an. Dieser lange Zeithorizont ermöglicht uns eine kollektive Kapitalanlage in der Ansparphase mit einem rund 70-prozentigen Aktienanteil. Dadurch kann unser Plan höhere Renditen für die einzelnen Mitarbeiter erzielen als beispielsweise ein Life-Cycle-Modell, das für rentennahe Jahrgänge von Aktien hin zu kurzlaufenden, festverzinslichen Anlagen umschichtet. Durch die kollektive Kapitalanlage können wir die Renditerisiken über die Sicherungsreserve ausgleichen und so die Verteilung der individuell gutgeschriebenen Renditen stauchen. Am Ende profitieren auch ältere Mitarbeiter vom hohen Aktienanteil in der kollektiven Anlage.

Marcus Wilhelm: Neben zukunftsgerichteten Simulationen und Stresstests haben wir einen Backtest für den Zeitraum von 1969 bis 2016 durchgeführt. Zugrunde gelegt haben wir eine Strategische Asset-Allokation im Verhältnis 70 (Aktien) zu 30 (Anleihen). Der Backtest ergab, dass eine individuelle Anlage auf kurze bis mittlere Sicht sehr riskant war und im Betrachtungszeitraum zu zwischenzeitlichen Wertverlusten von bis zu 40 Prozent führte. Zugleich stellten wir fest, dass sich der zwischenzeitliche Verlust für unsere Mitarbeiter mit unserer kollektiven Anlageform auf 0 Prozent reduzieren lässt.

Das Interview führte Dr. Guido Birkner.